Eingabehilfen öffnen

Zum Hauptinhalt springen
Russian Soundscapes

Russlandtournee 2012



Stader Komponist und Musiker tourt durch Russland
"Back to Russia" nach 20 Jahren: Hans Schüttler und sein Hamburger Kollege Heinz Erich Gödecke konzertieren als Duo "Allophonics"
Sabine Lohmann STADE.
Wenn zu einem erhabenen Klang aus dem Flügel langsam ein Joghurtbecher zertreten wird, ein tibetisches Horn auf eine Kinderdrehleier trifft und Klaviergeräusche sich in verhaltene Choral-Linien winden, dann musizieren der Stader Komponist Hans Schüttler und sein Hamburger Kollege Heinz-Erich Gödecke. Das Duo "Allophonics", im April mit fünf Auftritten in elf Tagen auf Konzerttournee "Back to Russia", ist heute auch "Back from Russia" in Hamburg zu hören.
Hans Schüttler (50) und Heinz Erich Gödecke (68), seit 25 Jahren musikalische Weggefährten, zusammengeschweißt durch zahlreiche Tourneen und Konzerte mit zeitgenössischer Musik, produzieren Klanginstallationen und Film- und Hörspielmusik unter anderem auch für den NDR Hamburg.
Schon Anfang der 90er Jahre - es war die Zeit des Aufbruchs durch Glasnost und Perestroika - waren "Allophonics" (zu deutsch: Fremdklang) mit Unterstützung des Goethe-Instituts Moskau und des Deutschen Musikrats durch die Staaten der Russischen Föderation und Asien getourt. Eingeladen waren sie von Nick Dimtriev, "Kultfigur und Musikkenner", der Festivals veranstaltete, um russische Volksmusik mit avantgardistischer Musik zu verbinden.
In polystilistischem Stil - mit Klassik-, Jazz- und Elektronik-Elementen - spielen auch "Allophonics": Posaune und Perkussion nutzt Gödecke, dessen Spezialität die "Pflanzenmusik" ist - dabei werden durch elektrostatische Oberflächenspannungen auf Blättern Klänge erzeugt; Schüttler setzt neben dem Klavier elektronisches Spielzeug wie ein Kinderkeyboard mit Scratchfunktion ein.
Nach 20 Jahren wurden sie jetzt erneut zum Dom-Festival in Moskau eingeladen, diesmal von der Frau von Nick Dimtriev, Luda Dimtriev, die auch die Konzertreise organisierte. Mit Flugzeug und Nachtzug überwanden die Musiker die zum Teil sehr großen Entfernungen: St. Petersburg, Moskau, Jekaterinburg, Ufa und Alexandrow waren ihre Stationen. Unterstützt wurde die Konzertreise von der Deutschen Botschaft und von Sponsoren.
Der erste Eindruck, wie ihn Hans Schüttler nach seiner Rückkehr schildert: Riesen-Plasmabildschirme dominierten das Stadtbild; statt mit kommunistischer Propaganda wurden sie auf den Plätzen mit lauter und farbiger Werbung und über Lautsprecher bombardiert. "Ich habe nach 20 Jahren nichts mehr wiedererkannt", erzählt der Stader Musiker. Häuser aus der Sowjetzeit waren abgerissen, riesige Hochhäuser entstanden, überall gigantische Kaufhäuser, Baumärkte, Möbelhäuser in XXL.
In St. Petersburg gaben sie ein Konzert in einem ehemaligen besetzten Haus, das inzwischen von bildenden Künstlern betrieben wird. In Moskau traten sie beim Dom-Festival neben vielen internationalen Künstlern im von Nick Dimtriev gegründeten Dom-Haus auf.
Jekaterinburg im Ural, wo einst die Zarenfamilie ermordet wurde, wegen der Rüstungsindustrie lange eine für Ausländer geschlossene Stadt, sei jetzt eine Metropole mit modernem Flughafen, Fernsehstudio und Jazzklub, sagt Hans Schüttler. Durch die große Entfernung - die nächste Stadt ist mit dem Zug zwei Tage entfernt - gelte sie als Provinz.
Das Interesse an dem Duo aus Deutschland war groß, die Musiker wurden mehrfach interviewt. Nach einem TV-Auftritt im Regionalfernsehen traten sie in einem edlen Jazzclub auf und wurden mit frenetischem Beifall gefeiert.
Mit dem Nachtzug ging es weiter in die Millionenmetropole Ufa, ebenfalls ehemals geschlossen, reich durch Erdölverarbeitung. Trotz des Bahnhofs, der "aussah wie eine Ufo-Landestation" gebe es in der Provinz-Metropole keinen Tourismus. "Ich dachte, der Jazzklub in Jekaterinburg sei edel, aber der private Schuppen hier war noch edler", staunte Hans Schüttler.
Veranstalter war ein russischer Zahnarzt, der Clubbesitzer ein Augenarzt, gespielt wurde vor 50 Zuhörern. Besonders beeindruckt hat den Stader die erlesene Club-Einrichtung, der große neue Steinway-Flügel und die amerikanischen Originalinstrumente: Raritäten wie die Hammond B3-Orgel (Kultinstrument aus den 50er Jahren), das Fender Rhodes Mark II (legendäres E-Piano aus den 70er Jahren).
Ein Konzert gab das Duo noch im Kunstmuseum in Alexandrow, einer 100 Kilometer von Moskau gelegenen Stadt mit Kreml, wo einst Iwan der Schreckliche herrschte; auch hier: kein Tourismus, bröckelnder Putz, das Hotel noch in sowjetischem Stil.
Die Gegensätze haben Hans Schüttler beeindruckt: das exquisite Appartement im heruntergekommenen Wohnhaus, verfallene sowjetische Bauten neben modernen Wolkenkratzern und im Stil der Zarenzeit hochgezogene Stadthäuser. Begeistert ist er von der Gastfreundlichkeit, vom "ansteckenden Optimismus" und der Begeisterungsfähigkeit der Menschen aus dem Medien- und Kulturbereich.
"Mich reizt, dass nicht alles perfekt ist", sagt er auch. Im Herbst oder Frühling 2012 will er deshalb erneut mit "Allophonics" durch Russland touren.
Sabine Lohmann
Stader Tageblatt vom 15.05.2012